Trimum

TRIMUM - Musik für Juden, Christen und Muslime

Musik für einen Stadtteil

Musik für einen Stadtteil: Das kann bedeuten…:

… auf aktuelle Themen zu reagieren. Zum Beispiel wenn die Kinder einer Grundschule wochenlang bei Staub und Baustellenlärm lernen müssen.

Stellung zu beziehen. Zum Beispiel wenn eine Moschee in der Nachbarschaft mit Naziparolen beschmiert wird.

Auf der Straße nach einmaligen Liedern zu suchen. Und zum Beispiel den ad-hoc-Song “ich bin gerne Bänkerin in Mümmel” zu finden.

Menschen zusammenzubringen und gemeinsam eine neue Stadtteilkultur zu erfinden: Interkulturell, interreligiös und generationsübergreifend.

Das Projekt

Welche Rolle kann Musik in einem Stadtteil spielen, in dem Menschen aus über hundert Nationen auf engstem Raum beieinander leben? Kann sie zu einer stimmigen Balance zwischen Gemeinschaftsgefühl und kultureller Eigenart beitragen? Kann sie wichtigen örtlichen Themen eine Stimme geben? Was kann man zum Schulanfang oder beim Stadtteilfest singen? Wie soll man die interreligiöse Hochzeit oder den Abschied von einem verstorbenen Mitschüler gestalten? Oder, kurz gefragt: Welche Musik braucht ein Stadtteil wie „Mümmel“?

Seit 2016 begleiten wir die Bewohnerinnen und Bewohner einer Hamburger Brennpunktsiedlung auf den Weg zu einer neuen musikalischen Stadtteilkultur: Interkulturell, interreligiös und intergenerationell.
Nun ist unser Projekt „Musik für einen Stadtteil“ mit dem Preis The power of the Arts ausgezeichnet worden. Mehr als 120 kulturelle Initiativen hatten sich um die mit 50.000,- Euro dotierte Auszeichnung beworben. Wir gratulieren unseren Mit-Preisträger*innen Weiter Schreiben, Migrantpolitan und Kulturisten hoch2. Und wir freuen uns, unsere Arbeit in Hamburg-Mümmelmannsberg ein weiteres Jahr mit frischem Rückenwind fortsetzen zu können.

Mümmelmannsberger Trialog

Mümmelmannsberger Trialog (Foto: The Power of the Arts, Robert Rieger).

Der Stadtteil

Mümmelmannsberg ist eine Hamburger Großsiedlung mit rund 19.000 Einwohnern. Viele der Menschen hier leben von Hartz 4, rund 60% der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. In der jüngsten Generation ist der Migrationsanteil noch sehr viel höher: 90% und mehr beträgt er in den beiden örtlichen Grundschulen. Von außen betrachtet ist Mümmelmannsberg ein typischer „sozialer Brennpunkt“. Entsprechend schlecht ist der Ruf des Stadtteils im restlichen Hamburg.

Doch die Bewohner selbst identifizieren sich mit ihrem Kiez. Man empfindet sich nicht als Hamburgerin oder Hamburger, sondern versteht „Mümmel“ als einen eigenen, in sich geschlossenen und kulturell vielfältigen Heimatort. Eine Begegnung zwischen den Kulturen und Religionen muss hier nicht erst initiiert werden – sie findet ohnehin tagtäglich statt.

Seit 2016 haben sich engagierte Bürger/innen auf den Weg gemacht, diese Vielfalt zum Gegenstand eines neuen Zukunftsberufes und einer neuen Form von Stadtteilkultur zu machen. Ihr Traum: Ein „Stadtteilkantorat“, in dem interkulturell, interreligiös und generationsübergreifend musiziert wird.
Unterstützt werden sie dabei von örtlichen Gemeinden, Schulen und Sozialeinrichtungen – und von Trimum, das diesen Weg von Anfang an begleitet und gestaltet hat.

Die Vorgeschichte: Auf der Suche nach einer neuen Stadtteilkultur

2015 entstand im Umfeld der evangelischen Gemeinde Mümmelmannsberg die Idee einer neuen musikalischen Stadtteilkultur. Initialzündung war ein zufälliger Konzertbesuch: Auf dem Stuttgarter Kirchentag lernte Pastor Thieme, der örtliche Gemeindepfarrer, die interreligiös-musikalische Arbeit von Trimum kennen. Gemeinsam mit Vertretern der örtlichen Schulen und Religionsgemeinschaften entwickelte er die Idee eines „interkulturellen und interreligiösen Stadtteilkantorats“ und nahm Kontakt mit den Macher*innen von Trimum auf.

Diese besuchten 2016/17 mehrfach den Stadtteil und entwickelten in experimenteller Feldforschung erste Umsetzungsideen und Leitlinien für den neuen Zukunftsberuf „Stadtteilkantor“. Die Ergebnisse waren überaus ermutigend. Ob in den örtlichen Grundschule oder im Seniorenheim, bei Stadtfesten oder beim internationalen Friedengebet: Die Bereitschaft zum gemeinsamen religions-, kultur-, und generationsübergreifenden Singen und die Freude an eigens komponierten und getexteten stadtteilbezogenen Songs waren von Anfang an stark ausgeprägt.

Unser langfristiger Traum: Ein dauerhaftes „Stadtteilkantorat“, in dem interkulturell, interreligiös und generationsübergreifend musiziert wird.

Die Idee strahlte aus, immer mehr Menschen im Stadtteil identifizierten sich damit. 2017 wurde vor Ort ein eigener „Stadtteilkantorat e.V.“ gegründet – und auch außerhalb von Mümmelmannsberg beginnt sich die neue Offenheit herumzusprechen. Ein Stadtteil, den man bis dahin eher gemieden hat, beginnt die Menschen plötzlich anzuziehen: Im November 2017 veranstalten Exiliraner aus ganze Hamburg im Gemeindezentrum ein spontanes Benefizkonzert für die Erdbebenopfer von Teheran. An Pfingsten 2018 ist die liberale jüdische Gemeinde Hamburgs zu Gast: Man feiert gemeinsam Pfingsten und Schawuot. Die Kinder einer örtlichen Grundschule singen auf ihren Schulausflügen interreligiöse Lieder der Seniorenchor der evangelischen Gemeinde hat ein islamisches Lied in seinem festen Repertoire…

Das nächste Etappenziel: Ein Jahr Stadtteilkantorat

Unser Traum: Wir möchten das Stadtteilkantorat langfristig auf feste Füße stellen und den „musikalischen Brückenschlag“ zu einer dauerhaften Institution machen. Das Preisgeld von “The Power of the Arts” bringt uns diesem Traum ein Stückchen näher. 2019 werden wir die bisherigen, vereinzelten Angebote für die Dauer eines Jahres in eine verlässliche Struktur überführen.

Ein Jahr lang soll…

Dabei setzen wir nicht auf eine vorgegebene musikalische Stilistik oder eine vorab festgelegte Arbeitsweise, sondern auf eine große Vielfalt von Herangehensweisen und Musikrichtungen. Denn…

Die Inhalte kommen aus dem Stadtteil!

Wie muss eine Musik beschaffen sein, die dem vielstimmigen Wir-Gefühl dieses Stadtteils eine gemeinsame Stimme gibt? Diese Frage darf nicht einseitig von einem vorgegebenen Kulturverständnis her gedacht werden. Es geht nicht darum, die hier lebenden Menschen an dieser oder jener Musikkultur „partizipieren zu lassen“. Die Aufgabe des Stadtteilkantors oder der Stadtteilkantorin besteht vielmehr darin, musikalische Brücken zwischen den Kulturen, Religionen, Herkünften und Generationen zu schlagen, ohne ihre jeweiligen Eigenarten zu nivellieren oder die Menschen in eine bestimmte Richtung “missionieren” zu wollen.

Das Stadtteilkantorat muss sich deshalb radikal in den Dienst der Menschen vor Ort und ihrer kulturellen Bedürfnisse stellen. Die Arbeitsweise ist strikt prozessorientiert und dialogisch. Ausgangspunkt und Gegenstand der Arbeit sind die Lebensthemen und Lieder, die Ideen, Fragen und Träume der Bewohner*innen.
Auf diese Weise wird Musik zum Medium und Gegenstand eines permanenten wechselseitigen Lernens. Senioren lernen von Kindern, Alteingesessene von Migranten – und umgekehrt. Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft bringen sich gegenseitig ihre Lieder bei und lernen auf diese Weise, Fremdheit als Vielfalt zu erleben und zu feiern.

Welche Rolle spielt das Thema „Religion“?

Normalerweise ist der Begriff „Kantor*in“ an eine eindeutige Religionszugehörigkeit geknüpft. Ein christlicher oder jüdischer Kantor ist Experte für die liturgischen und musikalischen Traditionen seiner Religion und ist für deren Pflege und Weiterentwicklung zuständig.
Die von uns entwickelte Idee eines brückenbauenden Stadtteilkantorats hingegen fühlt sich nicht einer einzelnen Religion verpflichtet. Man muss nicht gläubig sein oder überhaupt einer Religion angehören, um mitwirken zu können. Unser Ziel ist es, den Kantorenberuf neu zu definieren.
Kantor/innen tragen zur Gestaltung zentraler Feiern und Anlässe bei, die eine hohe symbolische Bedeutung haben: Von der Taufe oder Beschneidung über die Hochzeit bis zur Beerdigung. Sie begleiten eine Gemeinde durch das Jahr und geben ihrem Gedenken, ihrem Dank, ihren existentiellen Fragen und ihrer Selbstvergewisserung als zusammengehörige Gemeinschaft einen klingenden Ausdruck. Häufig leisten sie auch eine langfristige musikalisch-pädagogische Aufbauarbeit, etwa in Form von regelmäßigen Chorangeboten für unterschiedliche Altersgruppen.

Dies alles – so unser Traum – soll langfristig auch das Stadtteilkantorat leisten. Aber eben nicht geknüpft an eine bestimmte Religion oder Kultur, sondern getragen von der Grundidee des interkulturellen Brückenschlags.
Traditionelle religiöse Wertesysteme spielen dabei durchaus eine wichtige Rolle: Ihr Konflikt- und Friedenspotential spielt im Stadtteil eine wichtige Rolle. Das Stadtteilkantorat wird deshalb nur eine Chance haben, wenn es die Gebote und Grenzen der einzelnen Religionen respektiert und religiöse Vielfalt als Chance und wertvolle Ressource erkennt.

Dürfen muslimische Frauen öffentlich singen? Welche religiösen Feste können wir miteinander feiern und welche nicht – und wie kann man auch Atheisten in diese religiöse Feierlichkeiten einbinden, ohne dass sie sich verleugnen müssen? Wie kann den Feindseligkeiten und Ausgrenzungen religiöser Gruppen unter Jugendlichen entgegengewirkt werden? Wie gibt man den Verzweifelten und Verbitterten im Stadtteil eine musikalische Stimme? Was kann man religionsübergreifend miteinander singen, wenn man gemeinsam um einen verstorbenen Freund trauert? Fragen wie diese sind wichtig, wenn Stadtteilkultur mehr sein soll, als nur eine harmlose „Gutwetter-Veranstaltung“. Wir wollen Antworten auf diese Fragen finden. Deshalb spielt die interreligiöse Expertise des Teams von Trimum gerade im ersten Pilotjahr eine wichtige Rolle.

Das Fernziel: Ein Stadtteil als musikalisches Zukunftslabor

Ganz bewusst wollen wir diese Arbeit von Anfang an nach außen öffnen. Sobald sich die stadtteilbezogene Arbeit stabilisiert hat, möchten wir Hamburger Studierende und Musiker*innen unterschiedlicher kultureller Herkunft durch Praktika und kleinere Honorartätigkeiten aktiv einbinden.

Den Beruf „Stadtteilkantor“ kann man an keine Universität erlernen. Doch wir sind überzeugt, dass das, was wir in Mümmelmannsberg ausprobieren, ein Modell für andere, ähnlich strukturierte Stadtteile sein kann. Viele Fragen und Probleme, mit denen wir hier konfrontiert sind – die Segregation der Bevölkerung, Salafismus und Rechtsextremismus – besitzen eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz. Aus diesem Grund möchten wir die Multiplikator*innen von morgen von Anfang an in unsere Arbeit einbeziehen und ihnen die Chance geben, in „Mümmel“ erste eigene Gehversuche im musikalischen Dialog der Kulturen, Religionen, Herkünften und Generationen zu unternehmen.

Auf diese Weise wollen wir schrittweise verlässliche Partnerschaften mit örtlichen Hochschulen aufbauen und uns als externes Team allmählich „überflüssig“ machen. Unser Fernziel ist ein dauerhaft institutionalisiertes Stadtteilkantorat, das nicht aus der Ferne von externen Referenten geleitet wird, sondern dauerhaft mit örtlichen Akteuren besetzt ist.

Im Idealfall wird dieses Zukunfts-Stadtteilkantorat kontinuierlich nach innen in den Stadtteil wirken, zugleich aber auch als Ausbildungsstätte und Zukunftslabor, Spielwiese und Forschungsfeld für angehende „musikalische Brückenbauer“ fungieren.

Akteure

Stadtteilkantorat e.V.: Unser Partner vor Ort

Ende 2017 wurde in Mümmelmannsberg der Verein „Stadtteilkantorat“ ins Leben gerufen. Die Altersspanne der Gründungsmitglieder reicht von „Anfang 20“ bis „über 70“. Unter ihnen sind Vertreter/innen mehrer örtlicher Kirchengemeinden (evangelisch, katholisch und syrisch-aramäisch), eines muslimischen Familienvereins sowie des Rates der Islamischen Gemeinschaften Hamburgs (Schura) – aber beispielsweise auch ein bekennender „Kommunist und Atheist“ und andere sozial, politisch oder kulturell engagierte Bewohner des Stadtteils.
In der gegenwärtigen Aufbauphase bringen die Vereinsmitglieder vor allem ihre Kontakte und ihre Innenkenntnis des Stadtteils ein. Sie spüren örtlich relevante Themen auf und legen die Leitlinien der Arbeit fest, während das Team von Trimum momentan noch für die Umsetzung und inhaltliche Konzeption zuständig ist. Langfristig soll der Verein zum Träger eines künftigen, dauerhaften Stadtteilkantorats werden.

Förderer
Das Projekt „Interreligiöser Stadtteilkantor 2016“ wurde gefördert von: Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus sowie von Trimum aus Mitteln des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2016.

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logo Demokratie Leben
Logo Stuttgarter Lehrhaus

Die Projekte „Interreligiöses Stadtteilkantorat 2017/2018“ wurden gefördert von: Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und von der Gustav-Prietsch-Stiftung Hamburg.

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Mümmel leben Logos

Das Projekt “Musik für einen Stadtteil (2019)” wird gefördert von The power of the Arts (Erwachsene) und der Bügerstiftung Hamburg (Kinder).

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Bürgerstiftung Hamburg