Trimum

TRIMUM - Musik für Juden, Christen und Muslime

Fugato 2017

Verbotene Töne: Das Abschlusskonzert

Ein Projekt der Württembergischen Philharmonie Reutlingen in Kooperation mit TRIMUM.

Konzerttermine:
29. Juni 2017 (Uraufführung), 19.00h, in der Stadthalle Reutlingen
3. Juli 2017, 19.00h im NeckarForum Esslingen (Eintritt frei, ohne Vorverkauf).

Über anderthalb Jahre hinweg haben Geflüchtete aus Afghanistan, Gambia, Ghana, dem Iran, Somalia und Syrien eigene Texte und Lieder geschrieben und traditionelle Musik aus ihren Herkunftsländern einstudiert.
Bernhard Königs Abschlusskomposition Fugato - zehn Fabeln und ein Requiem für Sinfonieorchester und Exil-Ensemble, Gaukler und Artisten, Zeitzeugen und Erzähler/innen verknüpft die Lieder, Gedichte, Berichte und szenischen Darstellungsmittel, die im Verlauf dieses intensiven Prozesses entstanden sind, zu einem erzählerischen und musikalischen Gesamtbogen.
Fugato - zehn Fabeln und ein Requiem erzählt von verbotenen Tönen, Liebe auf der Flucht und jahrelanger Heimatsuche. Und es gedenkt auf ungewöhnliche Weise jener Menschen, die auf der Flucht ums Leben gekommen sind: Gestorben, weil sie Europäerinnen und Europäer werden wollten.

Heimatsuche und drohende Abschiebung: Die Entstehung von Fugato

Fugato ist sehr viel mehr als nur ein Musikprojekt. Immer wieder mischte sich das persönliche Schicksal der Mitwirkenden in den gemeinsamen Prozess des Forschens und Kennenlernens - mal auf beglückende, mal aber auch auf beklemmende und tragische Weise. Ein Großteil unserer Mitwirkenden war zu Beginn der Zusammenarbeit gerade erst einer existentiellen Notlage entkommen, hatte Zuhause und Familie verloren. Die Lieder des Herkunftslandes waren für manch eine(n) wie ein letztes Stücke intakter Heimat, über das er oder sie noch verfügte.

Einige der Profimusikerinnen und -musiker in unserem interkulturellen Fugato-Ensemble waren aber auch gerade aufgrund ihres Musikerberufes unter Druck geraten, sahen sich als Sänger oder Instrumentenbauer Anfeindungen, Berufsverboten und schweren Misshandlungen durch religiöse Fanatiker ausgesetzt.

So haben viele der mitwirkenden Jugendlichen im projekteigenen afghanischen Chor einen Heimatersatz und neue Freundschaften gefunden - und die professionellen Exilmusiker/innen im Fugato-Ensemble einen Ort, um endlich in Freiheit Musik machen zu können.

Die eigene Geschichte erzählen

In unserem Abschlusskonzert drückt sich beides aus: Lebensfreude und erlittene Not. Groß war von Anfang an der Wunsch, in Gedichten und Liedern die eigene Geschichte zu erzählen. So verfassten geflüchtete Frauen und Mädchen in einer Fugato-Textwerkstatt eigene Gedichte, in denen sie ihre Fluchtgeschichte und Heimatsuche reflektieren.

Ich spreche vom Fortgehen und von der Kälte einer leeren Welt.
Du sprichst von Verweilen und beschreibst die Güte einer Welt ohne Sorgen.
Aus der Fugato-Textwerkstatt (B. Hosseini). Original in persischer Sprache)

Auf dem Weg von Afghanistan bis an diesen Ort
verloren wir die Besinnung, trieben ohnmächtig fort.
Diese müde Schulter mit des Rucksacks Last
hat den Weltuntergang an uns festgemacht.
Aus der Fugato-Textwerkstatt (Parisa, 13 Jahre). Original in persischer Sprache)

Doch immer wieder wurde und wird die Freiheit, sich künstlerisch artikulieren zu können, auch von Angst überschattet: Während der Probenprozess voranschritt und das gemeinsame Stück immer mehr Konturen annahm, blieb die Zukunft vieler Akteure weiter im Ungewissen. Mehrere Mitwirkende sind derzeit von Abschiebung bedroht.

Wie klingt Zusammenleben? Die Anfänge von Fugato

Eine solch intensive inhaltliche Arbeit, die immer wieder die Existenz der Mitwirkenden berüht, bedarf eines großen gegenseitigen Vertrauens. Der Weg zu diesem Vertrauen war lang: Ein mehr als einjähriger intensiver, beglückender und häufig auch hürdenreicher Prozess des Forschens und Kennenlernens. Die meisten unserer Mitwirkenden waren gerade erst einer existentiellen Notlage entkommen sind, hatten ihre Heimat und oft auch ihre Familien verloren und versuchten nun, in fremder Umgebung, unter den erschwerten Bedingungen eines unsicheren Rechtsstatus', eine neue Existenz aufzubauen. So standen am Beginn dieses Prozesses viele offene Fragen: Welche Rolle kann Musik in einer solchen Lebenslage überhaupt spielen? Was bewegt und beschäftigt unsere Mitwirkenden? Hilft es ihnen, dem, was sie erlebt und erlitten haben, eine künstlerische Form und einen musikalischen Ausdruck zu geben? Kann die Musik ihrer Herkunftskultur zur Stärkung ihrer kulturellen Identität beitragen? Oder möchten sie sich neuen Themen zuwenden und das Erlebte ganz hinter sich lassen?

Zu Beginn: Mehr Fragen als Antworten.

Statt uns vorschnell auf den einen oder anderen Weg festzulegen, machten wir uns zusammen mit unseren Mitwirkenden auf die Suche - ein schwieriger Prozess, der über Monate hinweg von vielen Sackgassen und kulturellen Missverständnissen geprägt war.

Mit der Zeit entstanden in den drei beteiligten Städten Reutlingen, Esslingen und Tübingen unterschiedliche Workshopangebote und Ensembles. Im Fugato-Ensemble begegnen sich regelmäßig Musiker/innen der Württembergischen Philharmonie und Exilmusiker aus Afghanistan, Iran und Syrien, um sich unter der Leitung des israelischen Gitarristen und Arrangeurs Alon Wallach gemeinsam die Musik der unterschiedlichen Herkunftsländer zu erschließen.
Im projekteigenen afghanischen Chor, angeleitet von Monir Naachiz, haben junge Männer und Jugendliche aus Afghanistan eine neue kulturelle Heimat gefunden.
Das gleiche gilt für die Frauen und Mädchen, die sich regelmäßig in einem von der Sängerin und Islamwissenschaftlerin Ermia geleiteten Singkreis treffen.
In einer von Edris Joya und Elena Smith betreuten Textwerkstatt verfassten geflüchtete Frauen und Mädchen eigene Gedichte in persischer Sprache, in denen sie ihre Fluchtgeschichte und Heimatsuche reflektieren.
In einem mehrtägigen Ferienworkshop und zahlreichen weiteren Einzelbegegnungen konnten die Teilnehmer neue Songs, Kompositionen und Szenen entwickeln und erste Versuche im eigenen Spiel auf Pauke, Gitarre oder der afghanischen Tablatrommel unternehmen.
In der Fugato-Gauklerwerkstatt wurde dann zu guter Letzt, in enger Kooperation mit den Esslinger Theatergruppen Stage Divers(e) & United Unicorns, die szenische Umsetzung der Gesamtkomposition entwickelt.

Orchester als Zukunftslabor

Für die Württembergische Philharmonie ist Fugato bereits die zweite Zusammenarbeit mit dem Komponisten Bernhard König. Das Vorläuferprojekt Accompagnato - Die Kunst des Begleitens erhielt 2009 den erstmals verliehenen Bundespreis Kulturelle Bildung. Wie schon damals verbinden sich auch in der aktuellen Zusammenarbeit zwei sehr unterschiedliche Dimensionen von moderner Orchesterarbeit: Auf der einen Seite die Uraufführung und Interpretation einer ausgearbeiteten Partitur - auf der anderen Seite die Ergebnisse eines offenen, dialogischen Prozesses, der von vielen, sehr unterschiedlichen Akteure gemeinsam entwickelt, belebt und vorangebracht wird.

Dass sich die Arbeit eines klassischen Orchesters nicht bloß auf die Einstudierung und Aufführung bestehender Werke beschränkt, sondern auch die verschiedensten vermittlerischen und pädagogischen Aktivitäten umfasst, ist heute keine Seltenheit mehr. Doch häufig verlaufen diese Tätigkeitsfelder getrennt. In der Regel dient der vermittlerische Teil der Arbeit lediglich dem Erschließen neuer Zuhörergruppen. Bei Fugato wird er zum integralen Bestandteil eines soziokulturellen »Gesamtkunstwerks«, das weit über die institutionellen und traditionellen Grenzen herkömmlicher Orchesterarbeit hinausreicht.

So wurden, um die besonderen Herausforderungen der Themenstellung zu meistern, nicht nur Gastdozenten aus unterschiedlichen orientalischen Musikkulturen hinzugezogen. Je nach Projektverlauf, politischer Lage und Lebensumständen wurden auch Dolmetscher, eine Traumatherapeutin oder erfahrene Expertinnen und Experten des interreligiösen und interkulturellen Dialogs konsultiert. Mal erhielten einzelne Mitwirkende moralischen Beistand bei ihren Auseinandersetzungen mit den Ausländerbehörden, mal wurde mit musikalischen Mitteln eine öffentliche Anti-Abschiebungs-Demo unterstützt oder ein internes Fest in der Flüchtlingsunterkunft gestaltet.

Zahlreiche weitere Unterstützer aus Tübingen, Reutlingen und Esslingen haben dafür gesorgt, dass rund um Fugato ein weitgespanntes institutionelles, personelles und freundschaftliches Netzwerk gewachsen ist - und dass aus orientalischen Liedern und sinfonischer Musik, Zirkus und Requiem, Poesie und Satire ein Gesamtkunstwerk von naiver Verspieltheit, facettenreicher Schönheit und tiefem, existentiellen Ernst entstehen konnte.

Mehr als nur ein Musikprojekt

So ist Fugato viel mehr als bloß ein »Musikvermittlungsprojekt«: Ein großangelegter Prozess des wechselseitigen Lernens und Einander-Begegnens, der alle Beteiligten tief beeindruckt und verändert hat. Dieser Prozess verlief alles andere als reibungslos: Immer wieder stießen wir an Grenzen und hatten das Gefühl, zu scheitern. Vielleicht liegt ja gerade hierin die größte Stärke von Fugato: Dass von den beteiligten Musiker/innen bis hin zum Management des Orchesters alle Beteiligten dazu bereit waren, den sicheren Boden der eigenen Routine und »Leitkultur« zu verlassen und sich auf Neues und Fremdes einzulassen.

So ist nicht nur ein musiktheatralisches Gesamtkunstwerk entstanden, in dem sich orientalische Lieder und sinfonische Musik, Zirkus und Requiem, Poesie und Satire begegnen. Es ist darüber hinaus auch ein weitgespanntes institutionelles und personelles »Fugato-Netzwerk« gewachsen, das von Tübingen bis Esslingen reicht: Geflüchtete, Exilmusiker und »alteingesessene« Musiker haben untereinander viele neue Freundschaften und in den gemeinsamen Proben, Workshops und Auftritten ein Stück lebendiger kultureller Heimat gefunden.

Fugato: Akteure und Unterstützer