Trimum

2015 - Die Vielfalt feiern!

Musik für Gläubige und Andersgläubige

Erläuterungen und Vorgedanken zum »trialogischen Konzert«

Niemand weiß, wie sein Gesang klang. Keine Melodie ist erhalten, keine Beschreibung oder Musiktheorie aus seinem Umfeld überliefert. In einem aber sind sich Juden, Christen und Muslime einig: Einhellig rühmen sie die Schönheit und Wirkungsmacht seiner Stimme. David - arabisch Dāwūd - ist der wichtigste, prominenteste und einflussreichste Sänger der drei monotheistischen Religionen. Wie kein anderer verkörpert er das klingende Gotteslob. Grund genug, ihn als eine Art gemeinsamen Ahnherr jüdischer, christlicher und islamischer Gesangkunst zu betrachten. Grund genug, ihn zur zentralen Figur eines »trialogischen Konzertes« zu machen.
Miteinander von David zu singen - das könnte also bedeuten: Das Gemeinsame zu Klang werden zu lassen. Dem, was uns verbindet, eine machtvolle Stimme zu geben. Dem »einen Gott« die »eine Musik« gegenüberzustellen. Eine Musik des Monotheismus, die alle Grenzen überwindet oder gar keine Grenzen mehr kennt.

»Musikalischer Eintopf« oder »Modell Assisi«?
Genau so sah sie aus, die am häufigsten formulierte Erwartung meiner Gesprächspartner, als ich 2011 begann, nach Unterstützern und Ratgebern für ein mehrjähriges interreligiöses Musikprojekt zu suchen. Selten allerdings war diese Vision nur zustimmend gemeint. Gerade von protestantischer Seite wurde ich immer wieder vor »musikalischem Eintopf« gewarnt: Vor der leichtfertigen Vermischung von Stilen und religiösen Kulturen zu einer konturlosen »sakralen Weltmusik«. Eine solche Vermengung, so hieß es, laufe Gefahr, die Gläubigen aller drei Religionen vor den Kopf zu stoßen. Und auch den interreligiösen Dialog bringe es nicht weiter, wenn reale Konflikte und Differenzen durch eine musikalische Schein-Harmonie übertüncht würden oder wenn gar mit musikalischen Mitteln eine Art eklektizistischer »Meta-Religion« heraufbeschworen werde.
Wir haben uns diese Warnungen zu Herzen genommen und uns bei TRIMUM von Anfang an die Aufgabe gestellt, auch das Trennende im Blick zu behalten. Denn auch dies gab uns einer unserer Berater mit auf den Weg: Im theologischen Diskurs seien die Dissonanzen zwischen den Religionen manchmal nur schwer erträglich. In der Musik hingegen seien Dissonanzen eine Bereicherung.
Auch im Falle Davids ging es uns nicht darum, die Grenzen zu verwischen - und glücklicherweise hat unser Titelheld uns während der Vorbereitungen auf dieses Konzert keine Sekunde lang in Versuchung gebracht, die Dissonanzen aus den Augen zu verlieren. Wir haben gerungen um »unseren David« - und schnell gemerkt, dass diese Figur ohnehin nur sehr eingeschränkt zum Anchorman des Harmonischen und Gemeinsamen taugt. Gerade wenn man aus aktueller Perspektive, angetrieben durch die Sehnsucht nach Frieden zwischen den Religionen, auf diese Figur schaut, dann sind ihre Anstößigkeit, ihre vielen Brüche und inneren Widersprüche fast schon schmerzlich.
Der jüdisch-christliche David: Ein Kriegsherr und skrupelloser Machtpolitiker, ein Sünder und Frauenheld, an dessen Händen so viel Blut klebt, dass Gott keinen Tempel von ihm erbaut haben möchte. Und doch zugleich auch - was ihn aus heutiger Sicht erst recht sperrig und anstößig macht - ein Auserwählter und Gottesliebling. Der David des Korans ist als Rüstschmied und weiser Richter deutlich ziviler und friedfertiger angelegt - und dies ist beileibe nicht der einzige Unterschied zwischen den Religionen. Für die Juden ist David das Idealbild des Königs und der Ursprung des messianischen Geschlechts; für die Muslime ein Gesandter und Prophet; für die Christen ein direkter Vorfahre Jesu. Der jüdisch-christliche David hat die Psalmen selber gedichtet, der islamische hat sie, wie Mohammed den Koran, von Gott empfangen. Und auch als Sänger und Musiker trennt David uns eher, als dass er uns verbindet. Die jüdische Tradition stattet ihn mit einem Saiteninstrument namens Kinnor aus, im Islam ist umstritten, ob er überhaupt ein Musikinstrument gespielt oder seinen Lobpreis gänzlich unbegleitet angestimmt hat. Das Christentum hat ihn zum Harfenspieler gemacht - und zum Begründer »aller Gott gefälligen Kirchenmusik« (Johann Sebastian Bach), zu der dann aus katholischer und evangelischer Sicht natürlich auch die Musikinstrumente gehören, die weder in der Moschee noch in der orthodoxen Syngagoge oder Kirche anzutreffen sind.
Einen gemeinsamen Abend über David zu gestalten, dass könnte deshalb mit allem Fug und Recht auch das genaue Gegenteil von der »einen«, gemeinsamen, grenzüberschreitenden Musik bedeuten: Zu akzeptieren, dass wir Davids wahre Stimme nicht kennen. Dass unsere Überlieferungen Unterschiedliches erzählen. Dass wir einander fremd sind - auch in musikalischer Hinsicht. Es könnte bedeuten, jeder Religion und jeder Überlieferungskultur Raum zu geben, ihren eigenen David, auf ihre ganz eigene Weise zu Gehör zu bringen.
In der Theologie wird dieses respektvolle, klar abgegrenzte Nebeneinander als »Modell Assisi« bezeichnet - bezugnehmend auf den Ort jenes ersten Weltgebetstreffens von 1986, bei dem jede Religionsgemeinschaft für sich selbst betete: Am selben Ort, aber klar voneinander getrennt. Viele interreligiöse Konzerte und Musikfestivals folgen diesem Prinzip der strikten Selbstrepräsentation - und auch wir haben 2012 in unserem ersten Trimum-Jahr gefragt »Wie klingt, was du glaubst?« und jede Religion ihre eigene Antwort geben lassen.
Auch in unserem heutigen Konzert bemühen wir uns an vielen Stellen um Trennnschärfe, suchen nach dem ganz Eigenen, Spezifischen der drei Religionen. Doch interreligiöse Begegnung ist nicht statisch. Sie ist ein lebendiger, dynamischer Prozess. Aus behutsamen Kennnenlern-Begegnungen können Freundschaften entstehen, aus vorsichtigem Sondieren kann regelmäßige Zusammenarbeit, gemeinsames Leben, nachbarschaftliche Normalität erwachsen. Strikt »nebeneinander« zu singen und sich das »Miteinander« generell zu versagen, würde ein Maß an Ferne, Fremdheit und Unvereinbarkeit suggerieren, das der Realität unseres Landes zum Glück nicht mehr entspricht.

Fremd und vetraut: Einstimmen in die Musik der Anderen
Wir sind deshalb 2013, im zweiten Jahr unseres Projektes dazu übergegangen, uns wechselseitig in unsere musikalischen Traditionen einzuladen, sie miteinander zu teilen und uns dabei immer besser kennenzulernen. Einmal pro Monat traf sich eine wachsende Gruppe von Interessierten zum »Interreligiösen Chorlabor«, um gemeinsame begrenzte Ausflüge zu unternehmen: In die Welt der klassisch-türkischen Musik oder der Gregorianik, in die Musik der sephardischen Juden, der Araber oder der Aleviten, in uralte Gesangsformen der Synagoge oder zeitgenössische Improvisationstechniken der mitteleuropäischen Avantgarde.
Für unser heutiges Konzert haben wir dieses Prinzip der »musikalischen Gastfreundschaft« auf ein konkretes Thema, auf eine konkrete biblische und koranische Figur angewendet: Wir haben Lieder, Gesänge und Kompositionen aus dem Traditionsbestand aller drei Religionen ausgewählt, deren Texte David zugeschrieben werden, die von David erzählen oder die einen Inhalt transportieren, der aus unserer Sicht mit der Davidfigur verknüpft ist. Und wir haben uns gegenseitig zum Mitsingen eingeladen, haben uns in die Musik und Sprache »der Anderen« eingehört. Dabei können wir als Musikerinnen und Musiker an eine lange Tradition des interkulturellen Austauschs anknüpfen: In manchen unserer Programmpunkte wird Musik zum Erinnerungsspeicher vergangener interreligiöser Begegnungen. Zum Beispiel in Triste está el rey David, arrangiert von Alon Wallach nach der Melodie eines sephardischen Juden aus dem türkischen Izmir: Einer Melodie, die eben nicht nur von Davids Trauer, sondern auch von den jahrhundertelangen Wechselwirkungen zwischen jüdischer, türkischer und arabischer Musikkultur erzählt. Oder in der Musik des türkischen Hofmusikers Ali Ufkî (Psalm 1), der ursprünglich Wojciech Bobowski hieß, aus Polen stammte und nach seiner Gefangennahme durch die Osmanen zum Islam konvertierte. Als Vertreter eines »Calvinoturcismus«, der die Gemeinsamkeiten von Islam und Protestantismus gegen das katholische Habsburg in Stellung bringen wollte, übertrug Ufkî den reformierten Genfer Psalter ins osmanische Tonsystem.
In der heute Abend aufgeführten Bearbeitung einer Psalmvertonung des frühbarocken Komponisten Salomone Rossi (Psalm 92) haben interkulturelle Wechselwirkungen gleich mehrfach ihre Spuren hinterlassen. Als Spross einer angesehenen jüdischen Familie und Geiger in Claudio Monteverdis Mantuaner Hoforchester schrieb er hebräische Psalmvertonungen im Monteverdi-Stil. Später wurde seine ursprünglich doppelchörige Vertonung von Psalm 92 für den G'ttesdienstgebrauch in der liberalen Synagoge überarbeitet. Anstelle des zweiten Chores singt in dieser Fassung ein Solokantor mit Orgelbegleitung.

Musik verbindet? Nicht immer!
Das Prinzip der »musikalischen Gastfreundschaft« kann aber auch an Grenzen stoßen. Zum Beispiel dann, wenn es dauerhaft misslingt, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Miteinander von David singen - das setzt voraus, dass alle drei Religionen überhaupt etwas Eigenes, Identitätsstiftendes beizusteuern haben.
Als wir begannen, für dieses Konzert zu recherchieren, stellten wir schnell fest: Aus Psalmvertonungen, Oratorien und Liedern ein jüdisch-christliches Davidprogramm zusammenzustellen ist nicht schwer. Doch islamische Musik über den Propheten Dāwūd ist rar. Traditionelle Lobpreisungen oder Lieder, die speziell ihm gewidmet sind, scheint es nicht zu geben.
»Repertoirelücken« und Ungleichheiten wie diese sind nach vier Jahren TRIMUM keine Überraschung mehr. Gerade die musikalische Begegnung mit dem traditionellen Islam hat sehr häufig die Hürde einer grundlegenden Asymetrie zu überwinden. Das Musikverständnis des Islam ist von der des europäischen Judentums und Christentums so grundverschieden, dass eine Begegnung »auf Augenhöhe« nur schwer herzustellen ist.
Die islamische Welt kennt einen überbordenden Reichtum an Gesangs- und Musiktraditionen. Einige Beispiele dafür sind in diesem Konzert zu hören - darunter ein türkischer İlahî (religiöses Lied) und ein kurzer Ausschnitt eines irakischen Dhikr (wörtlich: »Gedenken«), wie er in den mystischen Derwisch-Orden praktiziert wird. Doch für die komplexe Mehrstimmigkeit, die orchestral besetzten Messen und Oratorien und die Formenvielfalt der christlichen Musikkultur gibt es in dieser Tradition keine Entsprechung - weder im säkularen Konzertsaal noch in der Moschee.
Nimmt man hingegen die sakrale Bedeutung und Wertschätzung des Klingenden insgesamt in den Blick, dann ist es umgekehrt: Es gibt im Christentum kein Pendant zur theologischen Stellung und Heiligkeit der Koranrezitation. Kirchenmusik ist eine menschliche Verlautbarung. In der Koranrezitation (die nicht als Musik gilt) ist es Gott selbst, der spricht. Er ist in ihr für Muslime in einem Maße gegenwärtig und erfahrbar, das wir Christen in der Sphäre des Klingenden nicht kennen.
Gerade weil die Koranrezitation ästhetisch und spirituell eine derart herausragende Stellung einnimmt, ist religiöse Musik im Islam keine Selbstverständlichkeit. Sie ist zwar nicht (wie hierzulande oft behauptet wird) generell »verboten« oder inexistent. Aber aus der Sicht eines Außenstehenden würde ich doch sagen: »sakrale Musik« scheint unter Muslimen ähnlich umstritten und »exotisch« zu sein, wie »sakraler Tanz« im Christentum. In einem Chor wie dem unseren mitzusingen - das verlangt einer bekennenden Muslimin hierzulande deutlich mehr Bereitschaft zur individuellen Positionierung ab, als einem Christen, der im heimischen Kirchenchor seit Jahrzehnten routiniert zwischen Barock, Gospel und Klezmer hin- und herswitcht.

Lücken schließen, Brücken bauen
Asymetrien wie diese mögen zwar in der Tradition begründet sein. Als offene Frage und ästhetisches Problem aber sind sie ganz und gar in der Gegenwart angesiedelt. Es sind Fragen unserer globalisierten Welt und sie lassen sich nicht allein mit dem Rückgriff auf traditionelle Musik beantworten.
Der Komponist Saad Thamir und die islamische Theologin und Religionspädagogin Rabeya Müller haben auf die »David-Lücke« im traditionellen Repertoire reagiert, indem sie mit der Neukomposition Reue und Umkehr eine Art »Dāwūd-Kantate« in deutscher Sprache geschrieben haben. Der Text basiert auf koranischen Motiven, in der Musik begegnen sich arabische Melodik und europäische Mehrstimmigkeit.
»Lücken schließen« in einem ganz praktischen, dramaturgischen Sinn - das ist auch die Funktion der kurzen »komponierten Zwischenmoderationen«, die sich durch das gesamte Programm ziehen und die wir als selāh bezeichnet haben. Der Begriff »selāh« (סֶלַה) kommt in den Psalmen sehr häufig vor. Die genaue Bedeutung und sprachliche Herkunft des Wortes ist unbekannt - es könnte eine Art musikalische oder liturgische »Regieanweisung« sein, die zum Beispiel für ein Zwischenspiel, für eine Atempause oder für das Einstimmen der Instrumente steht. In unserem Programm steht »selāh« für ein Ein- und Umstimmen im mehrfachen Sinn: Für den Raum und Übergang zwischen zwei Programmpunkten, zwei Musikstücken, zwei Kulturen oder Religionen. Die Texte, die hier gelesen werden, beschreiben David aus den unterschiedlichsten Perspektiven und wurden von unserem interreligiös und interdisziplinär besetzten Textbuch- und Dramaturgieteam gemeinsam entwickelt. Die dazu erklingende Musik, komponiert von Bernhard König, versucht mal eine Brücke zu bauen, mal eine deutlich abgrenzende Zäsur zu setzen.

Der eigene David
Auch an anderen Stellen haben wir die Pfade der Tradition verlassen. So hat sich unser TRIMUM-Jugendensemble künstlerisch, musikalisch und filmisch mit der Geschichte von David und Goliath auseinandergesetzt. Im Rahmen eines Ferienworkshops haben 20 jüdische, christliche, muslimische und konfessionslose Kinder und Jugendliche aus Esslingen und Stuttgart gemeinsam einen Trickfilm über Ungleiche Gegner gedreht. Wenige Wochen nach dem blutigen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo haben sie die uralte Kunst des Scherenschnitts kennengelernt, die von allen drei Religionen auch bei religiösen Inhalten als respektvolle und angemessene Darstellungsform akzeptiert wird: Ein möglicher Weg zu einer künftigen interreligiösen Kunstpädagogik. Und sie haben zusammen mit Helmut Bieler-Wendt und Alon Wallach eigene Kompositionsideen für die zugehörige Filmmusik entwickelt, die in unserem Konzert von Studierenden der PH Ludwigsburg musikalisch umgesetzt werden.
Wie klingen die überlieferten Erzählungen von David, dem Liebenden in unseren heutigen Ohren? Welche Assoziationen werden durch diese anstößige Figur geweckt und wie lassen sich eigene Töne und Texte dafür finden? Mit diesen Fragen hat sich ein Teil der TRIMUM-Chores unter Leitung von Bettina Strübel nach Anregungen von Helmut Bieler-Wendt improvisierend und experimentierend im »Interreligiösen Chorlabor« beschäftigt.
Für einen Evangelischen Kirchentag sind solche Formen der künstlerischen oder spielerischen Aneignung religiöser Inhalte nichts Ungewöhnliches. Man könnte sogar sagen: Sie sind urprotestantisch. Schon Luther und Bach haben nach neuen musikalischen Formen für die aktuellen gesellschaftlichen und theologischen Fragen ihrer Zeit gesucht. Doch es ist uns durchaus bewusst, dass eine solche Vorgehensweise nicht in jeder religiösen Kultur gleichermaßen beheimatet ist. »Darf« man sich denn dann in einem interreligiösen Konzert einfach so seinen eigenen David ausmalen? Sollte man sich nicht lieber darauf beschränken, von den überlieferten Traditionen zu erzählen?
Ich glaube: Man darf nicht nur - man muss sogar. Niemand weiß, wie Davids Gesang klang - und auch wir behaupten nicht, in unserem Konzert vom »echten« David zu erzählen. Dessen jüdische, christliche und muslimische Erben haben ihm im Lauf der Jahrhunderte vielerlei Stimmen gegeben - und mitunter haben sie ihm auch das jeweils eigene klingende Gotteslob in den Mund gelegt.
Gerade diese Vielstimmigkeit aber macht David zum idealen Botschafter unseres Projektes. Denn auch der interreligiöse Dialog ist vielstimmig: Geprägt von einer großen Heterogenität und Ungleichzeitigkeit. Erste, vorsichtige Konsultationen steht neben langjähriger Freundschaft, sensible Zurückhaltung neben unbekümmerter Synthese, traditionsbewusstes Beharren auf dem Eigenen, Unverwechselbaren neben spritueller Neugierde auf verschiedenste Glaubensformen und -praktiken aus aller Welt. Manche betrachten diesen Dialog als eine Aufgabe, die ihnen aus ihrem Glauben erwächst, anderen liegt er aus kulturellen oder politischen Gründen am Herzen.

Vielstimmigkeit als Prinzip
Miteinander von David singen, kann deshalb bedeuten: Altes und Neues, Überliefertes und Eigenes so zusammenzufügen, dass eine Form entsteht, die gleichermaßen einladend für Gläubige und Andersgläubige ist. Die niemandem seine Glaubensüberzeugung streitig macht (indem zum Beispiel zentrale Normen einer religiösen Ästhetik verletzt werden) und niemandem eine Glaubensüberzeugung überstülpt (indem zum Beispiel eine religionsferne Mitwirkende gezwungen wird, sich auf der Bühne als kritiklose Repräsentantin »ihrer« religiösen Tradition vereinnahmen zu lassen). Wir haben uns deshalb bewusst nicht für eine einzige Herangehensweise entschieden, sondern viele Herangehensweisen zu verbinden versucht. Dazu kann dann auch der »ganz eigene David« gehören - oder eben auch, als eine von vielen möglichen Spielarten und Antworten, die eingangs beschriebene Utopie einer gemeinsamen, verbindenden und grenzüberschreitenden Musik.
Für einige der Akteure unseres wunderbaren Ensembles ist diese Utopie längst subjektive Realität: Der Kanounspieler Hesen Kanjo, der Sänger Ahmet Gül, die »interreligiöse Kantorin« Bettina Strübel, der Komponist Saad Thamir - sie alle (und viele andere, die ich hier nicht alle aufzählen kann) sind Wanderer zwischen verschiedenen Musikkulturen und verkörpern in ihrer Arbeit und ihren Biographien längst jenen Dialog der Kulturen, den andere erst mühsam initiieren müssen.
Auch Assaf Levitin ist als Opernsänger und jüdischer Kantor ein solcher »Wanderer«. In seiner Vertonung von Psalm 150 hat er der Utopie einer gemeinsamen »Musik des Monotheismus« eine musikalische Gestalt gegeben. Entstanden ist seine Komposition auf Grundlage einer spontanen Improvisation unseres Referententeams.
Miteinander, über die Grenzen unserer Religionen und Kulturen hinweg, von David singen - das kann nur vielstimmig geschehen. So vielstimmig wie der reale Ist-Zustand des interreligiösen Dialogs. Wo es um das Innerste, Einzigartige der jeweiligen Religion geht, haben wir am Prinzip der Selbstrepräsentation festgehalten. Wo aus einer Religion heraus Aussagen formuliert sind, die von Vertretern der beiden anderen geteilt werden können, haben wir uns an das Prinzip einer »musikalischen Gastfreundschaft« gehalten. Wo sich ganz neue Fragen stellen, neue Hoffnungen und Träume auftun, wo unüberbrückbare Differenzen oder überraschend neue Querverbindungen zu tage treten, da haben wir versucht, genau dies Neue oder Trennende oder Gemeinsame mit neuen musikalischen und dramaturgischen Mitteln zu gestalten oder zu verdeutlichen.
Vielstimmigkeit ist deshalb auch die größte Stärke unseres Teams - sie zuzulassen (auch im eigenen Métier, im eigenen Lager, in der eigenen Religion) die größte, nie endende Herausforderung an unsere Arbeit. All unsere Programme (so wie übrigens auch der hier vorliegende Text) entstehen im vielstimmigen Dialog. Das ist nicht immer leicht und gelingt uns nicht in allen Fällen. Aber dort, wo es gelingt, können wir stolz darauf sein.

Damit wir klug werden…
Oder lieber nicht? Sollten wir uns nicht doch eher fragen, ob es nicht Augenwischerei ist, was wir hier tun? Kann denn Musik in diesen unfriedlichen Zeiten überhaupt irgend etwas bewirken? Ist nicht der »Stolz« des Musikers oder der Sängerin in einem solchen Zusammenhang gänzlich unangebracht?

Auch hierauf geben die David-Überlieferungen eine Antwort. Gegen Ende seines Lebens, so berichtet eine rabbinische Erzählung, war König David sehr stolz auf seine einzigartige Dichtkunst, seine Psalmen, sein eigenes unermüdliches Gotteslob. Ein Frosch kam des Weges, hörte davon - und dämpfte Davids Stolz, indem er darauf hinwies, er selber habe noch viel ausdauernder gequakt und Gott gelobt.

Freuen wir uns also ruhig über unseren eigenen Beitrag. Und horchen genau hin, wenn das nächste Mal irgendwo beharrlich ein Frosch singt.

Bernhard König