Trimum

TRIMUM - Musik für Juden, Christen und Muslime

Das STADTTEILKANTORAT in Hamburg-Mümmelmannsberg

In Hamburg-Mümmelmannsberg leben auf engstem Raum Menschen aus aller Welt. Seit 2016 begleiten wir sie auf dem Weg zu einer neuen musikalischen Stadtteilkultur: Interkulturell, interreligiös und intergenerationell. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage: Welche Musik braucht dieser Stadtteil?

Musik für einen Stadtteil – das kann bedeuten…:

Kulturelle Vielfalt hörbar zu machen und ein ehrliches Bild vom Stadtteil zu zeigen: Es sind die Menschen, die ihn lebendig machen.

… auf aktuelle Themen zu reagieren. Zum Beispiel wenn die Kinder einer Grundschule wochenlang bei Staub und Baustellenlärm lernen müssen.

Stellung zu beziehen. Zum Beispiel wenn eine Moschee in der Nachbarschaft mit Naziparolen beschmiert wird.

Auf der Straße nach einmaligen Liedern zu suchen. Und zum Beispiel den ad-hoc-Song “ich bin gerne Bänkerin in Mümmel” zu finden.

Menschen zusammenzubringen und gemeinsam eine neue Stadtteilkultur zu erfinden.

Das Projekt und der Stadtteil

Welche Rolle kann Musik in einem Stadtteil spielen, in dem Menschen aus über hundert Nationen auf engstem Raum beieinander leben? Kann sie zu einer stimmigen Balance zwischen Gemeinschaftsgefühl und kultureller Eigenart beitragen? Kann sie wichtigen örtlichen Themen eine Stimme geben? Was kann man zum Schulanfang oder beim Stadtteilfest singen? Wie soll man die interreligiöse Hochzeit oder den Abschied von einem verstorbenen Mitschüler gestalten? Oder, kurz gefragt: Welche Musik braucht ein Stadtteil wie „Mümmel“?

Mümmelmannsberg ist eine Hamburger Großsiedlung mit rund 19.000 Einwohnern. Viele der Menschen hier leben von Hartz 4, rund 60% der Einwohner haben einen Migrationshintergrund. In der jüngsten Generation ist der Migrationsanteil noch sehr viel höher: 90% und mehr beträgt er in den beiden örtlichen Grundschulen. Von außen betrachtet ist Mümmelmannsberg ein typischer „sozialer Brennpunkt“. Entsprechend schlecht ist der Ruf des Stadtteils im restlichen Hamburg.

Doch die Bewohner selbst identifizieren sich mit ihrem Kiez. Man empfindet sich nicht als Hamburgerin oder Hamburger, sondern versteht „Mümmel“ als einen eigenen, in sich geschlossenen und kulturell vielfältigen Heimatort. Eine Begegnung zwischen den Kulturen und Religionen muss hier nicht erst initiiert werden – sie findet ohnehin tagtäglich statt.

www.muemmel-leben.de

Seit 2016 haben sich engagierte Bürger/innen auf den Weg gemacht, diese Vielfalt zum Gegenstand eines neuen Zukunftsberufes und einer neuen Form von Stadtteilkultur zu machen. Ihr Traum: Ein „Stadtteilkantorat“, in dem interkulturell, interreligiös und generationsübergreifend musiziert wird.
Unterstützt werden sie dabei von örtlichen Gemeinden, Schulen und Sozialeinrichtungen – und von Trimum, das diesen Weg von Anfang an begleitet und gestaltet hat.

Die Vorgeschichte: Auf der Suche nach einer neuen Stadtteilkultur

2015 entstand im Umfeld der evangelischen Gemeinde Mümmelmannsberg die Idee einer neuen musikalischen Stadtteilkultur. Initialzündung war ein zufälliger Konzertbesuch: Auf dem Stuttgarter Kirchentag lernte Pastor Thieme, der örtliche Gemeindepfarrer, die interreligiös-musikalische Arbeit von Trimum kennen. Gemeinsam mit Vertretern der örtlichen Schulen und Religionsgemeinschaften entwickelte er die Idee eines „interkulturellen und interreligiösen Stadtteilkantorats“ und nahm Kontakt mit den Macher*innen von Trimum auf.

Diese besuchten 2016/17 mehrfach den Stadtteil und entwickelten in experimenteller Feldforschung erste Umsetzungsideen und Leitlinien für den neuen Zukunftsberuf „Stadtteilkantor“. Die Ergebnisse waren überaus ermutigend. Ob in den örtlichen Grundschule oder im Seniorenheim, bei Stadtfesten oder beim internationalen Friedengebet: Die Bereitschaft zum gemeinsamen religions-, kultur-, und generationsübergreifenden Singen und die Freude an eigens komponierten und getexteten stadtteilbezogenen Songs waren von Anfang an stark ausgeprägt.

Konzert

Muemmeldeerns

Die Idee strahlte aus, immer mehr Menschen im Stadtteil identifizierten sich damit. 2017 wurde vor Ort ein eigener „Stadtteilkantorat e.V.“ gegründet – und auch außerhalb von Mümmelmannsberg beginnt sich die neue Offenheit herumzusprechen. Ein Stadtteil, den man bis dahin eher gemieden hat, beginnt die Menschen plötzlich anzuziehen: Im November 2017 veranstalten Exiliraner aus ganze Hamburg im Gemeindezentrum ein spontanes Benefizkonzert für die Erdbebenopfer von Teheran. An Pfingsten 2018 ist die liberale jüdische Gemeinde Hamburgs zu Gast: Man feiert gemeinsam Pfingsten und Schawuot. Die Kinder einer örtlichen Grundschule singen auf ihren Schulausflügen interreligiöse Lieder der Seniorenchor der evangelischen Gemeinde hat ein islamisches Lied in seinem festen Repertoire.

Konzert

Konzert

Impressionen zum Nachhören: NDR Info – Die Reportage berichtete in seiner letztjährigen Weihnachtssendung über das Stadtteilkantorat Mümmelmannsberg. Auch als podcast in der Mediathek.

Das Fernziel: Ein Stadtteil als musikalisches Zukunftslabor

Unser langfristiger Traum: Ein dauerhaftes „Stadtteilkantorat“, in dem interkulturell, interreligiös und generationsübergreifend musiziert wird. Zu diesem Zweck möchten wir das Stadtteilkantorat auf feste Füße stellen und den „musikalischen Brückenschlag“ zu einer dauerhaften Institution machen. Ganz bewusst streben wir dabei nicht nach großen, spektakulären Events. Wir wollen kein kurzlebiges “Leuchtturmprojekt”, das auf einer großen Bühne beklatscht wird und sich danach wieder auflöst. Sondern wir wollen das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner dieses Stadtteils dauerhaft begleiten und verschönern.

Tanzabend

Stadtteilfest

Dennoch setzen wir auch auf Außenwirkung. Denn wir sind überzeugt, dass das, was wir in Mümmelmannsberg ausprobieren, ein Modell für viele andere, ähnlich strukturierte Stadtteile sein kann. In einer Welt, die sich kulturell rasant verändert, ist der oder die Stadtteilkantor*in in unseren Augen ein Zukunftsberuf. Man kann diesen Beruf gegenwärtig an keine Universität erlernen. Doch viele Fragen und Probleme, mit denen wir hier konfrontiert sind – die Segregation der Bevölkerung, Salafismus und Rechtsextremismus – besitzen eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz. Aus diesem Grund möchten wir die Multiplikator*innen von morgen von Anfang an in unsere Arbeit einbeziehen und ihnen die Chance geben, in „Mümmel“ erste eigene Gehversuche im musikalischen Dialog der Kulturen, Religionen, Herkünfte und Generationen zu unternehmen. Ganz bewusst hat Trimum deshalb ein Team von örtlichen Musiker*innen unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammengestellt, die von uns über längere Zeit gecoacht und bei ihrer Arbeit begleitet werden.

Das Stadtteilkantorat der Zukunft wird im Idealfall kontinuierlich nach innen in den Stadtteil wirken, zugleich aber auch als Ausbildungsstätte und Zukunftslabor, Spielwiese und Forschungsfeld für angehende „musikalische Brückenbauer“ fungieren.

Die gegenwärtige Etappe: Ein Jahr Stadtteilkantorat

Neue Wege zu gehen, ist oft mühsam – auch in finanzieller Hinsicht. Dem Ziel einer dauerhaften Verstetigung können wir uns nur in kleinen Schritten annähern. 2018 ist das Stadtteilkantorat mit dem Preis “The Power of the Arts” ausgezeichnet worden. Das Preisgeld ermöglicht es uns, die bisherige, punktuelle Arbeit für die Dauer eines Jahres in eine verlässliche Struktur überführen.

Die aktuellen Termine finden sich in der Terminübersicht

Ein Jahr lang…

Intergenerationell

Ophatan

Dabei setzen wir nicht auf eine vorgegebene musikalische Stilistik oder eine vorab festgelegte Arbeitsweise, sondern auf eine große Vielfalt von Herangehensweisen und Musikrichtungen. Denn…

Die Inhalte kommen aus dem Stadtteil!

Wie muss eine Musik beschaffen sein, die dem vielstimmigen Wir-Gefühl dieses Stadtteils eine gemeinsame Stimme gibt? Diese Frage darf nicht einseitig von einem vorgegebenen Kulturverständnis her gedacht werden. Es geht nicht darum, die hier lebenden Menschen an dieser oder jener Musikkultur „partizipieren zu lassen“. Die Aufgabe des Stadtteilkantors oder der Stadtteilkantorin besteht vielmehr darin, musikalische Brücken zwischen den Kulturen, Religionen, Herkünften und Generationen zu schlagen, ohne ihre jeweiligen Eigenarten zu nivellieren oder die Menschen in eine bestimmte Richtung “missionieren” zu wollen.

Multikulturell

Multikulturell2

Das Stadtteilkantorat muss sich deshalb radikal in den Dienst der Menschen vor Ort und ihrer kulturellen Bedürfnisse stellen. Die Arbeitsweise ist strikt prozessorientiert und dialogisch. Ausgangspunkt und Gegenstand der Arbeit sind die Lebensthemen und Lieder, die Ideen, Fragen und Träume der Bewohner*innen.
Auf diese Weise wird Musik zum Medium und Gegenstand eines permanenten wechselseitigen Lernens. Senioren lernen von Kindern, Alteingesessene von Migranten – und umgekehrt. Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft bringen sich gegenseitig ihre Lieder bei und lernen auf diese Weise, Fremdheit als Vielfalt zu erleben und zu feiern.

Welche Rolle spielt das Thema „Religion“?

Mümmelmannsberger Trialog

Trimumesisches Weihnachten

Normalerweise ist der Begriff „Kantor*in“ an eine eindeutige Religionszugehörigkeit geknüpft. Ein christlicher oder jüdischer Kantor ist Experte für die liturgischen und musikalischen Traditionen seiner Religion und ist für deren Pflege und Weiterentwicklung zuständig.
Die von uns entwickelte Idee eines brückenbauenden Stadtteilkantorats hingegen fühlt sich nicht einer einzelnen Religion verpflichtet. Man muss nicht gläubig sein oder überhaupt einer Religion angehören, um mitwirken zu können. Unser Ziel ist es, den Kantorenberuf neu zu definieren.
Kantor/innen tragen zur Gestaltung zentraler Feiern und Anlässe bei, die eine hohe symbolische Bedeutung haben: Von der Taufe oder Beschneidung über die Hochzeit bis zur Beerdigung. Sie begleiten eine Gemeinde durch das Jahr und geben ihrem Gedenken, ihrem Dank, ihren existentiellen Fragen und ihrer Selbstvergewisserung als zusammengehörige Gemeinschaft einen klingenden Ausdruck. Häufig leisten sie auch eine langfristige musikalisch-pädagogische Aufbauarbeit, etwa in Form von regelmäßigen Chorangeboten für unterschiedliche Altersgruppen.

Dies alles – so unser Traum – soll langfristig auch das Stadtteilkantorat leisten. Aber eben nicht geknüpft an eine bestimmte Religion oder Kultur, sondern getragen von der Grundidee des interkulturellen Brückenschlags.
Traditionelle religiöse Wertesysteme spielen dabei durchaus eine wichtige Rolle: Ihr Konflikt- und Friedenspotential spielt im Stadtteil eine wichtige Rolle. Das Stadtteilkantorat wird deshalb nur eine Chance haben, wenn es die Gebote und Grenzen der einzelnen Religionen respektiert und religiöse Vielfalt als Chance und wertvolle Ressource erkennt.

Dürfen muslimische Frauen öffentlich singen? Welche religiösen Feste können wir miteinander feiern und welche nicht – und wie kann man auch Atheisten in diese religiöse Feierlichkeiten einbinden, ohne dass sie sich verleugnen müssen? Wie kann den Feindseligkeiten und Ausgrenzungen religiöser Gruppen unter Jugendlichen entgegengewirkt werden? Wie gibt man den Verzweifelten und Verbitterten im Stadtteil eine musikalische Stimme? Was kann man religionsübergreifend miteinander singen, wenn man gemeinsam um einen verstorbenen Freund trauert? Fragen wie diese sind wichtig, wenn Stadtteilkultur mehr sein soll, als nur eine harmlose „Gutwetter-Veranstaltung“. Wir wollen Antworten auf diese Fragen finden. Deshalb spielt die interreligiöse Expertise des Teams von Trimum gerade im ersten Pilotjahr eine wichtige Rolle.

Das Team

Daniel Abozen ist freiberuflicher Gesangslehrer und Coach für Poetry und Songwriting. Er hatte die musikalische Leitung in zahlreichen Schultheaterprojekten.

Christiane Beetz lebt von Kindheit an in Mümmelmannsberg. Die studierte Religionswissenschaftlerin und vielseitige Vollblutmusikerin engagiert sich in der dortigen Kirchengemeinde und leitet u.a. einen Chor namens „Mümmeldeerns“.

Lee Andrea Cockshott stammt aus Schottland. Sie hat Community-Music und Performance studiert und verfügt über vielfältige Erfahrung in der künstlerischen und pädagogischen Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Zielgruppen.

Joycelyn Homadi-Sewor ist in Mümmelmannsberg geboren und aufgewachsen. Schon mit neun Jahren stand sie im Musical „König der Löwen“ auf der Bühne. Gegenwärtig studiert sie Kulturwissenschaften und arbeitet als Sängerin und Regieassistentin für das Bundesjugendballett.

Alexander Itzke ist Sozialarbeiter und leidenschaftlicher Hobbymusiker. Er ist am nördlichsten Rand Deutschlands aufgewachsen und hat in verschiedenen Bandprojekten mit Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Beeinträchtigungen musiziert.

Bernhard König ist freiberuflicher Komponist, Autor und Interaktionskünstler. Er hat Trimum erfunden und ist künstlerischer Leiter des Stadtteilkantorats.

Javad Sarempour ist als Geiger in der persisch-orientalischen Musik ebenso zu Hause wie in der klassisch-europäischen. Er ist 2015 aus dem Iran nach Hamburg gekommen und setzt sich seither für den interkulturellen Austausch ein. Momentan bildet er sich als Musiktherapeut weiter.

Gennady Tsypin ist Komponist, Multiinstrumentalist und Improvisator. In seinem Herkunftsland Russland hat er die Musik zu mehr als 50 Filmen und 30 Theaterproduktionen geschrieben und wirkte als Musiker, Veranstalter und Juror an internationalen Projekten und Festivals mit.

Sevgi Ünver ist Islamwissenschaftlerin und vielfältig im interreligiösen Dialog der Hansestadt engagiert. Sie berät und unterstützt das Stadtteilkantorat in Fragen rund um den Islam.

Weitere Akteure

Stadtteilkantorat e.V.: Unser Partner vor Ort

Ende 2017 wurde in Mümmelmannsberg der Verein „Stadtteilkantorat“ ins Leben gerufen. Die Altersspanne der Gründungsmitglieder reicht von „Anfang 20“ bis „über 70“. Unter ihnen sind Vertreter/innen mehrer örtlicher Kirchengemeinden (evangelisch, katholisch und syrisch-aramäisch), eines muslimischen Familienvereins sowie des Rates der Islamischen Gemeinschaften Hamburgs (Schura) – aber beispielsweise auch ein bekennender „Kommunist und Atheist“ und andere sozial, politisch oder kulturell engagierte Bewohner des Stadtteils.
In der gegenwärtigen Aufbauphase bringen die Vereinsmitglieder vor allem ihre Kontakte und ihre Innenkenntnis des Stadtteils ein. Sie spüren örtlich relevante Themen auf und legen die Leitlinien der Arbeit fest, während das Team von Trimum momentan noch für die Umsetzung und inhaltliche Konzeption zuständig ist. Langfristig soll der Verein zum Träger eines künftigen, dauerhaften Stadtteilkantorats werden.

Vorstand

Verein

Förderer
Das Projekt „Interreligiöser Stadtteilkantor 2016“ wurde gefördert von: Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus sowie von Trimum aus Mitteln des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2016.

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logo Demokratie Leben
Logo Stuttgarter Lehrhaus

Die Projekte „Interreligiöses Stadtteilkantorat 2017/2018“ wurden gefördert von: Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und von der Gustav-Prietsch-Stiftung Hamburg.

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Mümmel leben Logos

Das Projekt “Musik für einen Stadtteil (2019)” wird gefördert von The power of the Arts (Erwachsene) und der Bügerstiftung Hamburg (Kinder).

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Bürgerstiftung Hamburg